Eine Revolution in Sachen “Spenden” fuer Hilfsprojekte scheint im Netz losgetreten worden zu sein. Das Fundraising-Tool “Internet” wird immer mehr auf den Thron gehoben – der Mensch, um den es eigentlich bei Entwicklungshilfe gehen sollte, scheint mit Bits, Bytes und HTML von Profidesignern- und Codern in Unterordner programmiert zu werden. Es wuetet der Social Web Wahn….und wir sind mittendrin!
So verspricht betterplace.org, eine Internet-Plattform zur Generierung von Spenden fuer Hilfsprojekte, die dort von den Projektinitiatoren bekannt gemacht werden, dass 100% der Einnahmen den einzelnen Hilfsprojekten zu Gute kommen. Die taz berichtete allerdings, dass die Betreiber von betterplace.org nicht ueber Zahlen und Fakten sprechen moechten – da sollte man mal stutzig werden.
Auch zu den Projekten, die auf betterplace.org praesentiert werden, moechten sich die betterplace-Urheber eigentlich gar nicht aeussern. Die “Qualitatessicherung” zu den einzelnen Projekten ueberlassen diese lieber den “Fuersprechern” und der Community. Projekte vorstellen kann jeder, es findet keinerlei Pruefung zu den Betreibern der Projekte und zur Projektumsetzung statt. Man darf also “blind” spenden. Eine eigenartige Praxis, denn Hilfsorganisationen wie Care, Help oder die Welthungerhilfe geben sich Jahr fuer Jahr viel Muehe mit den ohnehin knappen Personal- & Finanzressourcen transparente Jahresberichte herauszugeben, in denen die Projekte und deren Kosten sowie die Ausgaben der Organisationen moeglichst umfangreich dargestellt werden sollen.
Spenden hat in der Regel mit Vertrauen zu tun – scheut eine Organisation oder eine Plattform wie betterplace.org die Oeffentlichkeit in der Darlegung der eigenen finanziellen und administrativen Hintergruende, bringen solche Institutionen den potenziellen Spendern und Besuchern scheinbar kein grosses Vertrauen entgegen. Als Spender sollte man diese scheinbare Tatsache zum Anlass nehmen, die Projekte vor einem Geldtransfer zuerst genauer unter die Lupe zu nehmen: sei es auf den organisationseigenen Projekt-Seiten im Web oder schlicht telefonisch bei den dort publizierenden Hilfsorganisationen. Mitunter ergibt sich bei einer solchen Recherche auch die direkte Moeglichkeit zur Spende an die jeweilige Organisation – ohne den Umweg ueber eine nicht vollstaendig transparente Plattform gehen zu muessen.
Man darf gespannt sein, ob betterplace.org den o.g. taz-Bericht auf der eigenen Medienseite verlinken wird – so, wie es mit positiven Presseberichten scheinbar gerne gemacht wird.
Eine weitere Institution, die derzeit den virtuellen Netzdurchbruch versucht, ist 2aid.org. Die in fast allen 2aid.org- Netzmeldungen, Blogs und Videokanaelen praesente “Front-Frau” Anna Vikky hat auf den ersten Blick scheinbar klare Ziele vor Augen: sie steht mit ihrem neu-gegruendeten Verein 2aid.org fuer “effizienz und nachhaltige Hilfe, verbunden durch das Social Web, mit der Beratung von Erfahrenen, durchgefuehrt von Youngsters.”
Bunte Schmetterlinge findet man so einige auf der jungen Webseite. Klare Konzepte zu Themen der Entwicklungshilfe jedoch weniger. Woran es allerdings nicht fehlt sind Querverweise auf die von der Organisation genutzten Social-Web-Tools wie Videos und Facebook-Profile.
Die Konzentration der Arbeiten rund um den “Mensch” scheint derzeit auf Eigen-PR zu liegen: schaut man sich die Liste der mitwirkenden “Freunde” an, trifft man auf Fotografen, Texter, Designer und Fundraiser. Fachleute mit entwicklungsbezogener Erfahrung findet man dort allerdings nicht.
Das einzige auf der Webseite veroeffentlichte Projekt (Brunnenbau in Uganda) wird in der Schlagzeile als Großprojekt angekuendigt. Vielleicht ein Indiz, dass sich bisher die Betreiber in Sachen Entwicklungshilfe noch nicht positioniert haben. Fuer langjaehrig erfahrene NRO duerfte der Bau von sieben Brunnen eher ein Projekt mit kleinem bis durchschnittlichem Volumen bedeuten.
Um fuer solche “Großprojekte” ausreichend Geldmittel und Experten zu erhalten, wird auf der Webseite vorgeschlagen ins Projektgebiet zu reisen. “Mach mit” ist hier das Motto: “Pack Deine Koffer. Dich hat das Fernweh gepackt? Du hast Lust auf was Neues, auf Abwechslung und lebenverändernde Erfahrungen? …Mach Dich auf den Weg zu den Menschen, die Du unterstuetzt.”
Na wunderbar: das ist, was arme Menschen in der Dritten Welt brauchen – Abenteuerurlauber mit bunten Schmetterlingen im Rucksack. Die Thematik erinnert ein wenig an diesen Artikel “Abenteuerreisen fuer deutsche Ethno-Touristen”
Der professionelle Gedanke hinter dem Projekt ist bisher leider nur wenig erkennbar. Es bleibt zu wuenschen, dass sich dort bald die Experten melden, auf deren Suche 2aid.org derzeit noch ist.
Das WWW ist eine tolle Sache. Man kann hoffen, dass bei der vielseitigen Begeisterung der sogenannten social entreprenuers in Sachen “humanitarian ´web´ aid” bald wieder auch mal mehr von den Menschen, denen geholfen werden soll, gesprochen wird und nicht immer die eigenen “grandiosen” Ideen und Webseiten in den Vordergrund gestellt werden. Und auch die noetige Transparenz sollte man nicht vergessen, bevor´s ans Programmieren geht!
Ihr
Daniel Lorenz
UPDATE: Es gibt zwischenzeitlich eine Einladung zu einem Hintergrundgespräch von BETTERPLACE, um die offenen Fragen zu klären. Dies wird in wenigen Wochen stattfinden. Infos folgen in diesem Blog.
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